Open Beatz

Besuch beim OpenBeatz Festival

Wenn Arbeit zum Vergnügen wird

Als Journalist ist es meine Aufgabe, Momente zu erleben, Reize zu spüren und sie für die Nachwelt festzuhalten. Dabei bekomme ich täglich die verschiedensten Dinge zu sehen. Dinge, die mich packen und nicht mehr loslassen. Dinge, die mich zum Nachdenken anregen und auch Dinge, die mir den Atem rauben. Letzteres war während meines Aufenthalts auf dem Open Beatz Festival 2017, in Herzogenaurach, der Fall. Im Zuge meiner Tätigkeit als Journalist für die „DatRock“-Redaktion war ich gemeinsam mit meinem guten Kumpel Lukas zu Gast bei Süddeutschlands größtem OpenAir Festival für elektronische Musik. „Süddeutschlands größtes OpenAir Festival für elektronische Musik“ – eine Beschreibung, durch welche meine Erwartungen nicht gerade zu klein gewachsen waren. Und dennoch wurden sie in jeder Sekunde meines Aufenthalts in dieser Welt abseits des Alltags erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen.

Eine unbeschreibliche Welt

Ein Festival hat immer etwas ganz Eigenes an sich. Man verabschiedet sich von dem gemütlichen Schlafzimmer in der 3-Zimmer-Wohnung, von frisch gekochter Pasta und von der Montagmorgen-Hygieneroutine. Das alles tauscht man ein gegen einen provisorischen Schlafplatz, in unserem Fall die überraschend komfortablen Vordersitze unseres charmanten VW Polo, gegen Dosenravioli & Dosenbier, und gegen die Penetration aller Sinne durch unglaubliche Reizüberflutungen. Der einzige „Luxus“, wenn man es so nennen möchte, den ich mir trotz Allem noch gegönnt habe, war die Gemeinschaftsdusche für die Mitarbeiter des Festivals. Ansonsten wollte ich das volle Programm. Dazu gehört natürlich auch eine 400 km Anfahrt, gespickt mit riesiger Vorfreude und kleinen Abzügen in Sachen Navigationstalent. Als dann allerdings doch noch das lang ersehnte „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ meiner iPhone Navigation ertönte, gab uns das OpenBeatz bereits einen ersten Vorgeschmack von dem, was uns an diesem Wochenende erwarten würde. Die zahlreichen gut gelaunten Menschen im Eingangsbereich ließen nur erahnen, was eine Besucherzahl von 20.000 für eine gigantische Summe darstellen kann. Und so teilten Lukas und ich uns auf und wurden Teil dieser Masse.

Der Mann mit der Kamera

Als „Mann mit der Kamera“ unterscheide ich mich natürlich von den meisten Festivalbesuchern. Doch gerade dies ist eine Facette meiner Arbeit, die mich besonders reizt. Die Leute wollen gerne von mir fotografiert werden, posieren mit den verrücktesten Kostümen und zeigen mir eine Art der Lebensfreude, die kaum mit etwas Anderem zu vergleichen ist. So lerne ich Leute kennen, ohne mich zuvor mit ihnen unterhalten zu haben; das ist faszinierend. Es werden Bekanntschaften geschlossen, es wird geflirtet oder auch einfach nur gelacht. Dass ich das Ganze auch für meinen Job mache, gerät dabei leicht in Vergessenheit. So waren die Fotos, die ich der Redaktion zur Verfügung stellen sollte, schnell im Kasten. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Fühlen, was die Augen nicht sehen

Da ich meine Arbeit getan hatte, konnte ich den letzten Tag des Festivals schlicht genießen. Mir als Person, die davon lebt, Dinge zu sehen, kann es manchmal schwer fallen, damit aufzuhören. Doch auch das ist ein elementarer Bestandteil dieses Festival-Lifestyles. Wenn du in der Menge stehst, während auf der Bühne deine Lieblingsmusik aufgelegt wird, dann fängst du Impressionen ein, die das Auge allein garnicht festhalten kann. Es sind alle Sinne, die angesprochen werden und es wird ein Lebensgefühl transportiert, das jedem Aufwand gerecht wird.

Sorglosigkeit und Adrenalinstöße

Was das OpenBeatz Festival so besonders macht, ist die extreme Vielfalt der Interpreten. Im einen Moment tanzt du locker zur Musik und fühlst dich einfach nur frei, während du im nächsten Moment wild herumhüpfst und mit deinem Körper an deine Grenzen gehst. Auch wenn der Ausdruck bereits uralt ist, so kann man es doch als „Achterbahnfahrt der Gefühle“ bezeichnen. Zudem war ich positiv überrascht, wie nah die einzelnen Interpreten an der Crowd sind. Künstler wie HeadHunterz oder Carnage habe ich so nah vor die Linse bekommen, wie ich es im Vorfeld nicht ansatzweise erwartet hätte. Ich glaube, dass diese Nähe viel von der Stimmung, die durch die Musik transportiert wird, ausmacht.

Die Menschlichkeit im Mittelpunkt

Ein Festival ist nur so gut wie seine Besucher. Um die Besucher des OpenBeatz Festivals mit einem Wort zu beschreiben: Wahnsinn.
Egal, wie oft ich mein Fotoalbum von dem Wochenende durchscrolle; ich sehe ausschließlich glückliche Gesichter. Die Menschen hatten 24 Stunden am Tag eine gute Laune, die ansteckender war als eine Erkältung im Winter. Und ausnahmslos jeder war bereit, seine Freude mit den anderen Besuchern zu teilen. Wenig überraschend war demnach auch die tolle Geste unserer Camping-Nachbarn, die uns mit ihrem Kleinbus Starthilfe gegeben haben, als unser Auto zum Umparken nicht anspringen wollte, da wir blöderweise mit laufendem Radio eingeschlafen waren. Getreu dem Motto „Jeder hilft Jedem“ wurden hier menschliche Gesten zur Selbstverständlichkeit.

Mit dem Rucksack in die Ferne

Für meinen Kumpel Lukas war dieses Wochenende nicht nur die Möglichkeit, sein erstes Festival zu erleben, sondern er konnte auch seine Freundin besuchen, die ganz in der Nähe von Herzogenaurach wohnt. Somit verabschiedete er sich am letzten Abend etwas eher von mir, was für mich etwas schade war, da ich von dem Punkt an alleine unterwegs war. Wirklich alleine habe ich mich dennoch nicht gefühlt, als auch die letzte Nacht, obgleich man schon sichtlich angeschlagen von den Vortagen war, zum Tag gemacht wurde. Auch das Bild, wie Lukas mit seinem Rucksack bewaffnet den Fußmarsch zu seiner Freundin antritt und mitten im Nirgendwo irgendwann am Horizont verschwindet, wird mir wohl immer als Erinnerung an dieses Wochenende im Gedächtnis bleiben.

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